Und was tragen Sie im Bett?


Von Schlafsocken, Pompom-Pantoffeln, Mickey-Maus-T-Shirts und Seidenpyjamas


Von Stefanie von Wietersheim

Hatten Sie auch eine Großmutter, die Bettsocken für Sie häkelte? Ich hatte eine, und bekam jedes Jahr ein neues Paar aus weißer, roter oder dunkelblauer Wolle geschenkt. Die Maschen dicht an dicht gesetzt, der Stoff warm und umfangend. Meine Großmama kam aus der Generation, die in einem bodenlangen weißen Leinen-Nachthemd, einem Glas Wodka und einem Roman von Fontane zu Bett ging, natürlich mit Chanel No. 5 parfümiert. Sie hatte viele kalte Winter erlebt, Bettsocken waren für sie wie Pelzmäntel ein ganz normaler Teil des Kleiderschranks. Immer wenn sie uns besuchte, vermaß sie meinen Fuß, schrieb die Ziffern in gestochen scharfer Schrift auf einen Zettel, setzte sich hin und häkelte los. Nach einer Woche waren die perfekt gemaschten Bettsocken dann fertig, und sie streifte mir eigenhändig das neue Modell über, wenn ich abends im Bett eingekuschelt lag. Großmama schnürte mir die Socken am Knöchel mit einem ebenfalls gehäkelten Band zu, wie richtige Schuhe. Sie waren warm, locker, ich spürte den Luftzug unter meiner Daunendecke, wenn ich die Füße bewegte. Nachts verlor ich sie aber oft und musste sie morgens aus den Untiefen der Decken herausfischen.

Diese maßgefertigten Bettsocken sind in meiner Erinnerung der Inbegriff einer vergangenen Bettmode. So wie lange weiße Nachthemden für Herren, taillierte Bettjäckchen, Nachthäubchen und Boudoir-Pumps. Boudoir-Pumps? Sie wissen schon: Diese hochhackigen Indoor-Pumps aus Satin mit dem Fell-Pompom vorne, die heimtückisch gemütlich aussehen, in denen man aber vom Bett nicht einmal zur ersten Tasse Morning Tea kommt, ohne sich den Fuß zu verstauchen. Schade eigentlich. Denn warum sollen unsere Beine im Schlafzimmer nicht genauso gut aussehen wie in der U-Bahn, in der Bar oder im Theater? Und unsere Bett-Kleider gleich sowieso? Chanellig-schick, urban cool oder mit Accessoires extravagant gestylt? Ab sofort arbeite ich an einer Moderevolte im Schlafzimmer. Ich will taillierte Bettjäckchen aus gesteppter Baumwolle, Lesecapes aus Kaschmir, Nightcup-Mäntelchen aus Seidenchiffon, bestickte Samtpantoffeln mit kleinen Absätzen, die gut zur nackten Haut sind -  und knöchellange Nachthemden mit anständigem Schnitt.

Klar, bequem soll es im Bett sein. Locker. Unangestrengt. Deshalb schlafen die meisten Menschen - egal ob Männer oder Frauen - heute in Pyjamas. Grundsätzlich ein herrlich elegantes Kleidungsstück mit großer Geschichte, Fashion-Pfeiler jedes Kleiderschranks neben dem Little Black Dress, Jeans und weißem T-Shirt. Aber in der Praxis möchte der modeinteressierte Zeitgenosse eher nicht wissen, wie viele zerbeulte Jerseylappen mit hüpfenden Mickeymäusen oder grinsenden Kakteen darunter sind. Prominente, die regelmäßig zu den „Best-Dressed-People“ gekürt werden, entscheiden sich nicht ohne Grund meist für den klassischen unifarbenen oder gestreiften Pyjama. Ausgesprochen unterhaltsam ist die Instagram-Mode bei Prominenten, Fotos von sich und der Familie in möglichst ausgefallenen Schlafanzügen vor dem Weihnachtsbaum zu posten. Im vergangenen Winter waren das - definitiv nicht von jedem zu tragen -  sogenannte Onesies, Ganzkörperanzüge mit Reißverschluss. Aus Frottee, Jersey oder Seide. Früher nannte man das Strampelanzüge. Diese Onesies habe ich ab und zu in Läden gesehen, aber bisher noch nicht am lebenden Objekt. Kein Wunder: Nach einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2009 schlafen fast 50 Prozent der Deutschen in Pyjamas, 15 Prozent in Nachthemden, 16 Prozent in T-Shirts, 12 Prozent in Unterwäsche. Auf splitterfasernacktes Schlafen schwören immerhin fünf Prozent aller Deutschen.

Wenn wir das Schlafen vom modischen Blickwinkel aus betrachten, so ist der Siegeszug des Pyjamas in die europäischen Betten ein Paradebeispiel für die frühe Globalisierung und geniale Umwidmung von Mode. Pyjama – dieses Wort stammt aus dem Persischen und bedeutet einfach „Beinkleidung“. In Asien, besonders in Indien, wurde diese lockere Hose aus Baumwolle oder Seide traditionell tagsüber getragen, britische Kolonialherren brachten sie bereits ab dem 17. Jahrhundert mit nach Europa. Die Europäer trugen diese Pyjama-Importe, Kopien oder fantasievolle Abwandlungen als Freizeit- und Schlafanzug. Zu den lässigen Hosen wurden passende Hemden geschneidert. Natürlich nur für die Männer, denn bis in die 1920er steckten die Damen in Fischbeinkorsetts, Schnürmiedern und mehrschichtigen Unterröcken fest. Nachts trugen sie lange, hemdartige Kleider. Nach dem Ersten Weltkrieg, der Ära der absoluten Moderevolution, übernahmen auch die europäischen Damen Pyjamas in ihren Kleiderschrank. Hosen am Tag - shocking! Hosen in der Nacht - der Skandal! Die visionäre Coco Chanel war eine der ersten, die den Pyjama als Abendanzug und Strandoutfit interpretierte, hoch elegant gegürtet, am besten getragen von sehr schlanken und sehr großen Frauen. Seitdem ist er aus keinem Kleiderschrank mehr wegzudenken.

Der Siegeszug des Pyjamas bei den Herren war der Untergang der traditionellen, knöchellangen weißen Männernachthemden. Diese wallenden Nachtgewänder aus Baumwolle und Leinen gibt es heute nur als Vintagestücke im Internet zu erwerben oder in sehr wenigen, exklusiven Old-School-Herrengeschäften. Wenn Männer Nachthemden tragen, sind sie meist aus kniekurzem bunten Jersey oder sehen aus wie überlange Oberhemden, manchmal aus Flanell, mit schottischen Karos. Der Mut zum langen weißen Männernachthemd scheint ein Relikt aus Downton-Abbey-Zeiten. Schade eigentlich. Denn ein großer Mann in einem langen weißen Gewand kann geradezu königlich wirken – und wer möchte nicht einen König im Bett treffen?

Und die armen Negligés, aufwändige Ensembles aus Nachthemden mit spitzenbesetzten Mäntelchen, all die Flatterärmel und geheimnisvollen Schichten an Crêpe und Duchesse-Seide – wunderbare Dinge, die früher zu einer eleganten Garderobe gehörten? Die feinen Träger, leicht provozierenden Ausschnitte und breiten Satin-Gürtel? Dem Pyjama und der notwendigen Praktikabilität des schnellen Alltags zum Opfer gefallen. Sie bleiben ein Luxus-Hobby von Frauen, die ihre Weiblichkeit zelebrieren und schöne Stoffe lieben. Als museumswürdige Prachtstücke in diesem Stil gelten die Nachthemdem, die die umstrittene Wallis Simpson, die spätere Duchess of Windsor und Ehefrau des ehemaligen englischen Königs Edward VIII. ab den 1930er Jahren trug: elegante französische Couture-Kleider aus Seidenchiffon, viele in zartrosa, pink und tiefrot. Mit schwarzer, sehr durchsichtiger Spitze und Handstickerei. Immer dazu passend ein „capelet“, ein ganz kurzes Cape über den Schultern oder einen dramatischen langen Übermantel. In England wurde bis vor kurzem darüber spekuliert, ob die zweimal geschiedene Geliebte des Mannes, der für sie 1936 auf den Thron verzichtete, ihn wohl auch mithilfe dieser „racey nighties“ um den Verstand gebracht habe. Eines dieser Stücke, ein scharlachrotes Chiffonnachthemd, das die britische Modejournalistin Suzy Menkes in ihrem Buch „The Windsor Style“ zeigt, wurde im Jahr 2011 bei Kerry Taylor Auctions für 5500 britische Pfund verkauft; ein zweites, elfenbeinfarbenes Nachthemd mit Stickerei kam ebenfalls unter den Kammer.

Solche Couture-Stücke wie die der Wallis Windsor stellen heute nur noch sehr wenige Ateliers her, darunter Cadolle, Carine Gilson und Sabbia Rosa in Paris. Sammlerinnen dieser Unikate bauen über Jahre und Jahrzehnte Kollektionen mit Stücken dieser Meisterschneiderinnen auf, manche tauschen sich  - für die staunende Leserin sehr interessant - auf Internetforen über neue Fänge aus. Ob wir von solchen Couture-Stücken träumen oder nicht – seien wir froh, dass zumindest unser Kopf heute unbedeckt ruhen darf. Bis in die 60er-Jahre schliefen viele Damen der westlichen Welt auf Nackenrollen, die Haare auf Lockenwickler gelegt, darüber ein feines Netz gespannt, um die Frisur nicht zu zerstören. Eine Art Nacht-Korsett für den Kopf. Die Erlösung davon kam durch die entspannten Fönfrisuren ab den 1970er Jahren. In den 1980ern schliefen dafür dann manche Fashion Victims mit Papilotten, diesen biegsamen Styroporwürsten, die lässige Locken beim Aufstehen versprachen. Meist sah es aus wie eine schlechte Krause, und die Papilotten verschwanden so schnell aus den deutschen Betten, wie sie gekommen waren.

Neulich habe ich im Ausverkauf ein bodenlanges, fuchsiafarbenes  Seidennachthemd eines berühmten italienischen Dessous-Herstellers gefunden, das nicht ganz, aber fast so schön ist wie ein Wallis-Windsor-Kleid. Eigentlich ist es zu schön zum Anziehen. Nun hängt es an der Tür zum Bad und sieht aus wie eine märchenhafte, textile Skulptur. Und ich träume seit diesem Kauf von einem sanft beleuchteten Schrank vor meinem Bett. Nur gefüllt mit Boudoir-Mode, die kaum zu finden ist. Ich träume von leicht taillierten Nachthemden aus Seidenjersey oder Leinen, in nachtblau, weiß und camel, mit passenden Kaschmirboleros. Von gegürteten Pyjamajacken mit Seidenaufschlägen. Von indischen Schals und leichten Strümpfen, die keine Abdrücke auf der Haut hinterlassen. Von Ballerinas mit hauchdünnen Ledersohlen, passend zu Farbe eines jeden Ensembles. Puderfarben, weiß, dunkelblau, schwarz. Ethno-bunt. Bettsocken? Ja. Auf alle Fälle Bettsocken. Und Fontane.