Im Bett mit Churchill und Earl Grey

Von Stefanie von Wietersheim


"Komm her zu mir, komm ins Bett, kuschel Dich unter die Decken, mit einem heißen Tee, hier kannst Du wunderbar überwintern“ - flüstert seit einer Woche der große Bücherstapel, der neben meinem hellgrauen Bett auf dem Nachttisch liegt. Neben der Schale mit den Baumkuchenspitzen, dem iPhone mit seiner Winter-Playlist und einer französischen Duftkerze. Ich höre die verführerische Tenor-Stimme des Herrn Bücherstapel schon, wenn ich morgens meine Business-Stiefel putze und eigentlich schnell zum ICE muss. Ich höre sie tagsüber im Büro nach der Mittagspause, wenn ich in einen faultierartigen Dämmer falle. Und ich höre die Stimme der Bücher - ja, im Laufe des Tages wird aus einer Flüsterstimme ein raunendes Ensemble - wenn ich abends überlege, was für ein Jamie-Oliver-würdiges Essen ich gleich servieren sollte. „Lass Deine Familie olle Käsebrote essen“, säuseln die Bücher neben meinem Bett, „komm her und lies uns!“. Na gut. Sie haben mich endlich. Ich gehe schlafwandlerisch die Treppe hoch, ziehe meinen gepunkteten Seidenschlafanzug an, schlüpfe unter die Daunendecke. Und nehme das erste Buch: „Belgravia“, den neuen Band des Downton-Abbey-Autors Julian Fellowes in die Hand.

Was soll man auch machen, wenn es ab November schon am Nachmittag gegen halb fünf stockfinster draußen wird, der Regensturm Gesicht und Hals attackiert und man als praktizierender Fashion Lover ernsthaft überlegt, Thermounterwäsche abseits der Skipiste zu tragen? Da hilft nur das Bett als Refugium. Noch besser: Bücherlesen und Teetrinken im Bett. Die geniale Winter-Combo.

 Vor allem die Engländer sind dafür bekannt, den Early Morning Tea im Bett einzunehmen. Ihre letzte Stuart-Königin, Queen Anne (1665 bis 1714) war es angeblich, die das Teetrinken im Bett bei Hofe einführte und damit
 

  fashionable machte. Denn die Briten hatten im 17. Jahrhundert mit dem Teeimport aus China begonnen, und das Getränk war in den Anfangszeiten ein teures Privileg und Statussymbol der Upper Class. Heute trinken die Engländer rund 213 Liter pro Jahr, die Deutschen kommen nach Angaben des Deutschen Teeverbandes immerhin auf 68 Liter, Tendenz steigend; eine Ausnahme sind die Ostfriesen: sie trinken sage und schreibe 300 Liter jährlich. 

Für viele Menschen ist das Bett, abgesehen von der Nacht, auch der Lieblingskokon für den Sonntagmorgen, die Siesta oder die nachmittägliche Teestunde. Und für Millionen Buchliebhaber ist das Bett der liebste Leseort, an dem sie sich mit ihren Helden und Heldinnen treffen.

 Denn Bücher sind vielseitige Geliebte, Seelentröster, gelesene Actionfilme, heilsame Meckerer. Sie führen uns in Abgründe, auch unsere eigenen, stellen uns auf die Probe, schärfen den Geist oder entführen in therapeutisch wohltuende Kitschwelten. Wer einmal vom Virus des Bücherlesens infiziert wurde, wird ihn sein Leben lang nicht mehr los. Die Autorin Christine Gräfin von Brühl nennt ihre Literaturleidenschaft gar „das Inhalieren von Büchern“, der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate nennt sie „Nahrung für Hoffnung“, für den Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Meyer, sind sie eine „Zauberkapsel für die Reise in parallele Realitäten“. Und so wie es für Menschen nicht nur den Traummann, die Traumfrau gibt, so existieren auch ideale Tee-Gefährten zum Buch, mit denen man je nach Laune spielen kann.

Meine aktuellen Lieblinge?

 „Belgravia“ von Julian Fellowes & Earl Grey. „Downton-Abbey“-Autor Julian Fellowes hat ein neues Buch geschrieben: In „Belgravia“ geht es um das Schicksal der Aufsteigerfamilie Trenchant, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die feine englische Gesellschaft aufgenommen werden will und immer wieder an Standesgrenzen stößt – letztlich siegt jedoch die Liebe und die Macht des Geldes. Natürlich trinken die Ehefrauen und Töchter der britischen Earls am Nachmittag in den Londoner Salons ständig Tee - was würde zur Lektüre also besser passen als eine Kanne Earl Grey? Dazu ein Cucumber Sandwich, das auch fast nicht ins Bett bröselt?

 „Himmel über der Wüste“ von Paul Bowles & Grüner Tee.

Die Sehnsucht nach Nordafrika und der Wüste trieb den amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles lange Zeit nach Algerien, Marokko und Tunesien – auf der Suche nach Grenzerfahrungen in der Natur und der eigenen Seele. Seine autobiographisch gefärbte Erzählung über die Reise an den Rand der Gesellschaft und des eigenen Ich wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Und Bertoluccis Verfilmung die Geschichte zum Kino-Klassiker. Zur Lektüre, ganz klar, eine Tasse Grüntee, wie in Nordafrika mit Minze und Zucker in kleinen Gläsern serviert.

 „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi & Russian Caravan Tea

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, dieser Romananfang hat Millionen Leser seit Erscheinen des Buches im Jahr 1877 in den Bann gezogen und erst nach über 1000 Seiten wieder losgelassen. Zu der erzählten Welt mit ihren Liebesdramen und Sinnsuchen zwischen Moskau, St. Petersburg und dem russischen Land passt natürlich wunderbar ein russischer Karawanentee mit Rauch- und Malzaroma. Sein ungewöhnlicher Name stammt von den Kamelkarawanen, mit denen dieser Tee früher von Indien und China via Russland nach Europa gebracht wurde.

  „Zum Zeitvertreib. Vom Lesen und Malen“ von Winston Churchill & Lapsang Souchong.

Der mit Fichtenholz-Rauch aromatisierte schwarze China-Tee soll der Lieblingstee des britischen Premierministers Winston Churchill gewesen sein. Der charismatische britische Politiker, Universalgelehrte und Literaturnobelpreisträger liebte es zu lesen und zu malen. Hier schreibt er über seine mit Lust ausgelebten künstlerischen Hobbies. In politisch unruhigen Zeiten auf der Insel und dem Kontinent eine Oase der Ruhe.

 „How to become Parisian“ von Caroline de Maigret & Edel-Kräutertee

Viele elegante Pariserinnen schwören nicht nur auf den pechschwarzen Espresso am Ende eines Essens, sondern - gut für Seele und Körper - auf edle Kräutertees mit Eisenkraut, Lindenblüte oder Minze, die berühmte „Tisane“. Gut für Teint und Gesundheit, so wie in Eichenfässern gelagerte Rotweine, die zur „French Paradox“-Ernährung gehören. Und wie die Pariserinnen stilvoll und lässig leben, davon erzählt die französische Mode-Ikone Caroline de Maigret mit drei Co-Autorinnen in diesem Kultbuch. Die wichtigste Nachricht: seid bloß nicht perfekt!

 „Die Kunst des Bücherliebens“ von Umberto Eco & Darjeeling. Der Anfang des Jahres verstorbene Bestseller-Autor und Semiotik-Professor war ein bekennender Bücherverrückter, der selber 50.000 Bände besaß und in dessen Werken wie „Der Name der Rose“ Bücher eine entscheidende Rolle spielten. Wenn man in den Bann seiner Erzählungen gerät, wacht man gerne die Nacht durch, mit einem feinen, nicht zu starken Darjeeling, der einen vielleicht doch um drei Uhr morgens wieder einschlafen lässt.

 „Ein Tag auf dieser Erde“ von Reiner Kunze & Weißer Tee

Die kleinen, geballt-intensiven Gedichte des zeitgenössischen Autors Reiner Kunze sind poetische Meditation, Versenkung in scheinbar einfache Bilder, bezaubernd in ihrer Melodie. Landschaft, Tiere, Pflanzen erscheinen wie Wolkenbilder am Horizont, in denen man sich verlieren möchte. Was trinkt man am besten zu diesen kleinen, feinen Sätzen? Vielleicht einen edlen weißen Tee, zart, mit vielen Nuancen. Wie eine flüssige Wolke im Mund.

 Und was lesen Sie in diesen Tagen im Bett?

 

 In diesem Sinne: lassen Sie sich von Ihrem Bett, Büchern und Tee verführen! Es lebe der Winter!