Wir freuen uns, eine Botschafterin für unseren Schlafgenuss gefunden zu haben.


Die Autorin und Journalistin Stefanie von Wietersheim, 45, schreibt über Kultur, Interiors, Reisen und Mode. Ihre Bestseller „Frauen & ihre Refugien“, „Vom Glück mit Büchern zu leben“ und „Mütter & Töchter“ sind im Callwey-Verlag erschienen. Sie arbeitet als Autorin für verschiedene Magazine und Zeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und „Architectural Digest“. Nach Jahren in München, Paris und Toulouse geht sie heute von ihrem Landhaus in Niedersachsen auf Reportage in die Welt. Für den Blog der Schramm Werkstätten wird sie fortan in der Reihe „Bett-Geschichten“ schreiben.

 

Bettgeschichten No. 1 – 

Das Bett meines Lebens

Von Stefanie von Wietersheim 

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, in was für Betten Maler, Dichter oder Tänzer am liebsten schlafen? Ob diese quer lebenden und quer denkenden Menschen anders schlafen als Menschen mit sogenannten bürgerlichen Berufen? Ruhen sie in verrückteren oder schöneren Betten? Haben sie buntere Träume? Fallen sie in einen besonders geheimnisvollen kreativen Tiefschlaf, aus dem sie dann schöpfen für ihre Arbeit auf Bühnen, Leinwänden, Papier?


Vielleicht fällt Ihnen spontan das Bild des armen Poeten von Carl Spitzweg ein, (Bild: Carl) der so bedauernswert verfroren unter der Dachschräge auf eine behelfsmäßige Matte geflüchtet ist; oder Ernest Hemingway in seiner Finca Vigia auf Kuba mit einem so nüchternen Bett, das bei diesem exzentrischen Mann überraschen mag; oder an die schmerzhaft scharf denkende Simone de Beauvoir auf ihrem so weiblichen, korallenroten Divan am Tag des Jahres 1952, als sie den Prix Goncourt gewann. Vielleicht kommen Ihnen auch die Betten eines Henry Miller in den Sinn, die von allerhand Freundinnen getestet wurden, oder das Schlafzimmer des tyrannischen Pablo Picasso im Schloss von Vauvernargues, in dem bis heute sein Bett mit dem selbst entworfenen Kopfteil steht, mit grünen und gelben Streifen, eine Anspielung auf die katalanischen Farben.

 

Ja, Künstlerbetten sind Projektionsflächen unserer Träume, denn unsere Schlaflager sind immer etwas enorm Intimes, ob real oder erdacht. Im Pariser Musée des Arts Decoratifs kann man das riesige Paradebett der berühmten Pariser  Kurtisane Emilie Valtesse de la Bigne sehen - ein Bett wie aus dem Roman „Nana“ von Emile Zola. Ein Möbel gewordenes Symbol einer ganzen Zeit, in der Halbweltdamen vom Bett aus die Hauptstadt regierten. Und heute? Der New Yorker Maler Julian Schnabel - der Mann, der Schlafanzüge statt Anzüge trägt - schläft in seinem New Yorker Palazzo Chupi in einem knallpinken Raum, in einem himmelblauen, vergoldeten Holzbett. Mit der luxuriösesten Bettwäsche, die man sich nur vorstellen kann, in Italien gefertigt, von seiner Frau Olaz entworfen.

Lagern und liegen, träumen und trödeln, in eine Art Ohnmacht sinken und erwachen in einen neuen Tag - für mich als Autorin sind das absolut kostbare, köstliche Themen. Spielwiesen für die Fantasie, unendlicher Fundus für Ausflüge in die Kulturgeschichte, die Welt des Designs und der Mode. Deshalb habe ich spontan ja gesagt und bin in Gedanken gleich auf einem ihrer Boxspringbetten auf- und abgesprungen, als mich Angela Schramm fragte, ob ich Lust hätte, für den Blog der Schramm Werkstätten zu schreiben.

Als Journalistin und Autorin bin ich seit 20 Jahren in vielen Ländern für Buchprojekte, Magazine und Zeitungen unterwegs, interviewe Künstler, Designer, Politiker und anders interessante und prominente Persönlichkeiten. Ich portraitiere ihr Leben, ihre Arbeit, oft auch ihre Häuser. Mich beschäftigt, wie individuelles Leben und die Dinge, mit denen wir uns umgeben, miteinander verbunden sind, wie sehr innere Harmonie und äußere Schönheit aneinander wachsen. Immer die Frage nach dem Ausdruck von Kultur – und warum das für uns Menschen so wichtig ist.

Das geheimnisvolle Reich des Ruhens, des Vorschlafes und Absinkens auf den Grund der großen Schlafruhe ist für eine Schreiberin wie eine magische Schatztruhe, die sich öffnet und in der sie wühlen darf. Besonders für eine Frau, die -  reine Wahrheit - am liebsten im Bett lebt und dafür viel zu oft von ihrer Familie aufgezogen wird. „Wo ist Stefanie? Im Bett natürlich!“, heißt es bei uns zuhause oft. Natürlich habe ich nicht den Luxus, mein ganzes Leben in meinem geliebten großen Bett zu verbringen. Obwohl ich das ohne Probleme könnte. Umgeben von Stapeln an Romanen, Bildbänden, dem Radio und den Opern-CDs, Kaschmir-Duftkerzen, Pillow Sprays, indischen Plaids, dem iPhone und einer kleinen Teebar. Wenn ich von meinen Reisen als Reporterin draußen in der Welt zurück in mein stilles Traumschiff komme, bin ich glücklich.

Mein Doppelbett ist bodentief mit steingrauem Leinen bezogen, hat ein großes graues Stoffkopfteil, davor drapiere ich immer drei Reihen großer weißer Kissen. Die schönsten Bezüge sind Vintagemodelle meiner Großmutter aus den 1930er-Jahren mit eingewebten Art-Deco-Motiven und ihrem Monogramm, denn sie stammen aus ihrer Aussteuer und sind so schön wie vor fast hundert Jahren. Mit diesen Kissen treibe ich einen fast wahnhaften Kult. Ich wechsele sie oft, weil mich starke Liegefalten ärgern, stärke und bügele sie, besprühe sie mit Lavendel-Wasser. Das Arrangieren dieser Kissen - ein Ritual, das mich nachhause kommen lässt.

Als ich die Schramm Werkstätten in der Pfalz zum ersten Mal besuchte, sah, wie die Meister und Meisterinnen Stoffe zuschnitten, Sprungfedern mit Nessel bezogen, Matratzen zusammennähten wie für eine Märchenprinzessin, da erkannte ich die Gesten, die mich während meines ganzen Berufslebens immer am meisten fasziniert haben: Die Noblesse, etwas mit der Hand zu tun. Handarbeit. Der Anspruch an sich, mit Nadel und Faden, mit Hammer und Säge ein perfektes Produkt zu schaffen, das sehr lange hält. Im Zeitalter von Container-Ladungen an Dingen, die man kauft und meist doch nicht braucht, etwas Einzigartiges.

Ich bin fasziniert von diesen Gesten des „alten Europa“, der Liebe zum Detail, der Suche nach Perfektion. In den Ateliers und Hallen der Schramm Werkstätten, vor kurzer Zeit von der „Wirtschaftswoche“ nicht umsonst zu den deutschen „Best Luxury Brands“ gekürt, fand ich dieselben Bewegungen und Rituale, die ich als Reporterin bei anderen Kunsthandwerkern entdecken konnte, für die Hand und Auge das Maß aller Dinge sind: in den Pariser Haute-Couture-Ateliers der Kunststicker bei Lesage, in der Werkstatt des Maßschusters Massaro - beide gehören heute zu Chanel - , auch bei Jean-Claude Ellena, dem Hausparfümeur von Hermès, oder dem großen Chocolatier Pierre Hermé.

 

Wie so viele Menschen hatte ich Lebensphasen, in denen ich geradezu verzweifelt um Schlaf gerungen habe, egal wie gut oder schlecht mein Bett war: vor Prüfungen an der Universität, aufgeregt vor der Hochzeit (meine Flitterwochen habe ich dann erst mal verschlafen), in den gestörten Nächten mit den kleinen Babys, wo ich ein Vermögen für ein paar ruhige Nächte bezahlt hätte. Unvergessliche Bettenerinnerungen habe ich einige, wie wir wohl alle. Zum Schreien komisch war der Moment, als unser Bett in einem wildromantischen Ferienhaus im Luberon zusammenkrachte, nachdem wir uns zwei Wochen lang von Restaurant zu Restaurant durchgegessen hatten. Wir fanden uns nachts um eins mit blauen Flecken plötzlich in einem Lattenrost-Gebälk am Boden wieder, und mein Mann sagte nur trocken: „Heute war das Dessert wohl zu viel“. Am schlimmsten war die Luftmatratze bei einem Zelturlaub in Cornwall, es goss zwei Wochen in Strömen, ich lag stundenlang mit Eisfüßen und schlecht gelaunt im feuchten Schlafsack, darüber schwebten die größten Spinnen Britanniens. Dann doch lieber Ferienhaus mit einem richtigen Bett. Kann aber auch schiefgehen, so wie im weißen Kubus-Haus über dem Meer an der Algarve, dessen knochenharte Matratze mir solche Rückenschmerzen machte, dass ich meine Decke nahm und versuchte in der Badewanne zu schlafen. Noch schlimmer. Am schönsten die Ferien in einem knarrenden Holzbett mit dicken neuen Matratzen in einem Engadiner Chalet im Winter. Schlafen mit offenem Fenster bei minus zehn Grad, während es leicht schneit, aufwachen unter dicken, knisternden Federbetten, ein Gefühl wie im Himmel.

Am romantischsten war aber das erste Bett während meiner Pariser Jahre. Dort wollte ich zum Leidwesen meines Mannes unbedingt ein Baldachinbett aus orangegoldener Seide bauen. Eine ganze Woche suchte ich nach dem richtigen Baldachinbogen bei Ebenisten im Quartier St. Antoine. Deren Baldachinbögen hätten aber eher in ein normannisches Chateau gepasst als in die Domestikenwohnung eines Hauses von Mansart, in der wir damals lebten. Den passenden halbrunden Messing-Bogen ließ ich schließlich für ein kleines Vermögen im Kaufhaus BHV gegenüber dem Pariser Rathaus anfertigen. Die dutzende Meter orangegoldener Seide plus Futter für den Wasserfall-Himmel unter dem Bogen fand ich auf dem Stoffmarkt St. Pierre. Eine befreundete Schneiderin saß dann eine Woche mit den Stoffmassen an der Nähmaschine, schließlich drapierten wir die orangenen Wogen über und um das Bett. Es sah atemberaubend aus, fast so wie das Paradebett einer Demi-Mondaine von Emile Zola. Dass mein Mann überaus erstaunt war, als er unser neues Bett sah, gebe ich zu.  Leider ist der Stoff dieses Pariser Bettes mit den Jahren verblichen und zerschlissen durch Sonne, Mond, Abstauben und Rumreißen der Kinder.  Und heute schlafe ich in dem modernen grauen Bett, das mehr nach iPad-Generation aussieht als nach französischer Romanheldin. Der letzte orangefarbene Seidenrest hängt aber vor dem Fenster des Schlafzimmers - und erinnert immer wieder an die Bettgeschichten meines Lebens.