Brian Kinney / Shutterstock.com

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Ob Baby oder Ballett-Tänzer, Manager oder Mama, Rennfahrer oder Ruheständler: Wir alle müssen schlafen. Das hypnotische Diktat des Schlafes eint uns Menschen. Wie übrigens alle Primaten, die im Wechsel von Licht und Dunkelheit ruhen oder aktiv sind. Ohne erholsamen Schlaf werden wir krank, verrückt - ja können sogar früher sterben. Wer einmal einen tief schlafenden, auf einem Baum hängenden Löwen gesehen hat, einen selig schlummernden Säugling auf einer lauten Party, der beneidet diese begnadeten Mit-Primaten, wenn er schon mit einem falschen Hotelkissen Schwierigkeiten hat. Nicht umsonst gilt systematischer Schlafentzug als eine der schlimmsten Foltermethoden, und tiefer, guter Schlaf als Himmel auf Erden. So weit, so biologisch-demokratisch.

Doch wer wie schläft, das unterscheidet sich weltweit von Land zu Land, von Kultur zu Kultur. Und von Gesellschaftsschicht zu Gesellschaftsschicht. Die Gestaltung des Bettes ist immer auch eine Beantwortung der Frage: Wer bin ich? Zu welcher Kultur gehöre ich? An welche Schlafrituale hat mich meine Sippe, mein Kulturkreis gewöhnt? Allein der Decken-Graben zwischen Mitteleuropäern, die fluffige Federbetten lieben und Südeuropäern, die sich in unter den Matratzen festgesteckte Laken winden, bietet Raum für ethnologische Dissertationen. 

Hart und kalt, aber bis ins 19. Jahrhundert ein Luxus: Bauernbett am Land.Die Betten, in denen wir heute in der westlichen Welt schlafen, sind historisch betrachtet ein großer Luxus und Zeichen unseres breiten Wohlstandes – egal, ob sie wie die so beliebten Boxspringbetten aus mehreren übereinandergelegten Matratzen bestehen oder aus einem Lattenrost mit aufgelegter Matratze. Denn über Jahrhunderte lang schliefen die meisten Menschen einfach im Heu am Boden, auf Fellen oder Strohmatten. Vor allem die Landbewohner waren bis ins 19. Jahrhundert hinein überhaupt froh, wenn sie ein richtiges Bett hatten. Dieses Luxusmöbel mussten sie sich jedoch meist teilen, wenn die Familie größer wurde: Mutter, Vater, die wachsende Kinderschar, auch Großeltern schliefen auf dem Lande zusammen auf einem Lager, oft umgeben von ihren Tieren. Das hatte durchaus praktische Gründe, denn Betten waren nicht nur teuer, sondern die Familienmitglieder mussten sich in kalten Wintern gegenseitig wärmen. Vor der Ära der Zentralheizung war diese Pinguin-Methode Garant für das Überleben; die Kleinen lagen innen, die Großen außen. 

In Zeiten der großen Unterschiede zwischen Arm und Reich waren prachtvolle Betten viel mehr als heute Symbol von Reichtum, Macht und Machtanspruch. Wir wissen, dass ägyptische Pharaonen und reiche Römer bemalte Prunkliegen mit daunen- oder schilfgefüllten Matratzen besaßen und auch damit ihre gesellschaftliche Stellung zeigten. 

 

Das Himmelbett des Sonnenkönigs

Royale Himmelbetten: Ort des Hof-Zeremoniells, an dem der Tag begann. S-F / Shutterstock.comDas schönste Sinnbild für ein Prachtlager ist bis heute das Himmelbett des französischen Königs Ludwig XIV., das man im Schloss von Versailles besichtigen kann. Der Sonnenkönig, der bis zu seinem Tod im Jahr 1715 als absolutistischer Herrscher den Staat ganz auf sich, seine Person und Würde ausgerichtet hatte, zeigte dies auch im Wohnen. Im Mittelpunkt eines höchst komplizierten, eleganten und intrigenreichen Versailler Hoflebens stand – sein Bett. Am Bett begann und endete der Tag, das Hofleben und die Wichtigkeit der um ihn kreisenden Gesellschaft.

Ein Bett als machtpolitischer und gesellschaftlicher Mittelpunkt des Landes? Ja, im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert war es in Frankreich tatsächlich so. Und das nicht, weil dies eine persönliche Grille des Bourbonen war oder der König so gerne in seinem Bett lag, sondern weil das Schlafzimmer im Schloss von Versailles ein dezidiert öffentlicher Raum war und das Bett, wie seine Prunktafeln, der Spiegelsaal, die Gärten, eine Bühne für Repräsentation. Das Bett des Herrschers war nicht, wie für uns heute ganz selbstverständlich, der privateste Rückzugsraum des Lebens, sondern das Gegenteil: ein offizieller Raum.


Im Bett empfangen: Zeichen von Volksnähe

Die Tatsache, dass hohe oder niedere Diener des Hofes dem französischen König beim morgendlichen Anziehen zusehen durfte, ist schon aus der Zeit des französischen Königs Heinrich II. (1519 - 1559) überliefert, dessen Ehefrau Katherina von Medici auch ihrem Sohn Franz genau diese Sitte empfahl, um die Volksnähe des Monarchen und den Dialog am Hofe zu erhalten. So war es auch über mehrere Jahrhunderte Sitte, dass die Geburten von königlichen Kindern eine öffentliche Sache waren und es im Schlafzimmer der Königinnen oder Kronprinzessinnen von Menschen nur so wimmelte, bis ein Nachfolger geboren war. Die Intimität der königlichen Körper diente dem Fortbestand der Monarchie und des Landes – und so waren auch Betten und Schlafzimmer keine individuellen Refugien in Momenten von Leben und Tod.

Unter dem Sonnenkönig galt als Ehre unter den Adligen, die in seinem engen Kreis dienten, ihm beim Aufstehen aus dem Bett, dem genau beschriebenen Ritual des „Lever du Roi“, zur Hand gehen zu dürfen. Parallel dazu gab es ein komplexes Ritual des „Couchers“, des „Sich-Hinlegens“, um den König ins Bett zu begleiten. Wo der König auch die Nacht verbracht hatte, er hatte um 8 Uhr morgens in seinem Staatsbett in einem Alkoven zu liegen, das von einer Balustrade vom Rest des „Chambre du Roi“ abgetrennt war. Dann begann das „Kleine Lever“ und das „Große Lever“, das in seinen genauen Abfolgen am besten einem höfischen Tanz, einer Quadrille vergleichbar ist. Sein Kammerdiener Alexandre, der als einziger auf einem kleinen Bett im selben Raum schlafen durfte, zog die Vorhänge aus Goldbrokat auf, dann traten zwei Leibärzte ein, gefolgt von Ludwigs alter Kinderfrau, die ihn auf die Stirn küsste. Danach begann ein stundenlanges weiteres Ritual, in dem viele andere mächtige Hofleute eintraten. Der König thronte dabei die ganze Zeit in seinem Nachthemd und einfacher Perücke im Bett. Zwei Hochadlige durften ihm sein Nachthemd ausziehen, und andere seine Tageskleider anziehen.

Es war bekannt, dass der König vor dem offiziellen Aufstehen aber manchmal in aller Frühe schon in den umliegenden Wäldern jagen ging, und dann noch einmal opernhaft-offiziell aufstand. Über seinen Enkel Philipp von Spanien schrieb der wundervoll geschwätzige Chronist der Zeit, der Duc de Saint Simon, in seinen Erinnerungen, dass er das Lever mit den zahlreichen, herumschwirrenden Hofleuten als so nervig empfand, dass Philipp mit seiner Frau einfach manchmal den ganzen Tag im Bett liegen blieb und ein Lever gar nicht begann.

 

Das Schlafzimmer als Raum für Social Events

Vom Bett  aus wichtige in- und ausländische Würdenträger zu empfangen, zu trinken und zu essen, diese Mode verbreitete sich nach und nach in den darunter liegenden sozialen Schichten. Denn was am französischen Hof als schick galt, wollte man in London, Wolfenbüttel, Berlin oder Wien gerne imitieren. Nicht nur im europäischen Hochadel des 18. Jahrhunderts, auch im reichen Bürgertum wurde das kultivierte Bett-Leben ein Must. Zahlreiche Gemälde aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert zeigen uns vornehme Damen in feinen Morgentoiletten, die ihre Freundinnen in Schlafzimmern empfangen, einander vorlesen, Briefe schreiben und Schokolade trinken. In Zeiten von komplizierten Unterröcken, Korsetts und Hochfrisuren mag dieses Leben im Schlafzimmer eine entspannte, intime Art eines Social Events gewesen sein, ein Moment der kalkuliert-lässigen Entspannung der sonst so eingeschnürten und aufdressierten Damen. Kaiserin Sissi nannte das stundenlange Ankleiden und Frisieren einmal so eindrücklich „ins Geschirr müssen“. Im Schlafzimmer waren die Damen der Schönen Welt von diesem Geschirr noch befreit. 

Schramm-Bett: Handgemachte Betten – heute ein demokratischer Luxus.  Modell: Grand Cru PradoHeute ist der Schlaf und das Schlafzimmer eine Insel unserer eifersüchtig gehüteten Intimität. Überall sonst fühlen wir uns oft so durchlässig, durchleuchtet und überall im Netz präsent. Berufsleben und Privates gehen ineinander über. Das Bett ist unser Kokon, unsere zweite Haut, unsere Hülle. So finden wir die Idee absurd, dass Angela Merkel, Barack Obama, Matteo Renzi oder Ursula von der Leyen auf ihrem Bett thronend empfangen könnte – obwohl für einen absolutistischen Herrscher das nichts Ungewöhnliches war. So können wir es uns auch schlecht vorstellen, selbst ein großes Bett mit Hausangestellten oder Kollegen  - früher Knechten und Mägden - zu teilen. Wen wir an und in unser Bett lassen, ist ein Zeichen von tiefer Liebe und Vertrauen, eine ganz besondere Auszeichnung. Nur in diesem Punkt sind wir vielleicht etwas dem Sonnenkönig ähnlich.


Marcel Proust – der Literat im Bett

Beschützt und behütet: Der Schriftsteller Marcel Proust lebte und dichtete in seinem Bett.Die selbst gewählte Einsamkeit ihres Bettes hüten manche Menschen geradezu obsessiv. Der extremste Verteidiger seiner Bettes war ein anderer großer Franzose, der Schriftsteller Marcel Proust (1871 - 1922), Autor des berühmten Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, der die Pariser Gesellschaft der Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg in all ihren Schattierungen beschrieb. Der empfindsame, hochbegabte und permanent kränkelnde Ästhet lebte in seinem Bett, aß, trank und schrieb dort. Eingehüllt in drei Hemden übereinander, immer brannte das Kaminfeuer, die Fenster blieben geschlossen. Eine warme Bett-Klause, eine Künstler-Klausur. Der asthmakranke Schriftsteller hörte stundenlang Theateraufführungen mittels eines „Theatrofons“, trug aus Angst vor Ansteckungsgefahr Handschuhe, wenn ihn Bekannte im Schlafzimmer besuchten und erschuf von diesem Bett aus eine neue Roman-Welt mit über 500 Figuren. Nur selten machte er abends einen Ausflug ins Hotel Ritz, kehrte dann schnell zurück in sein mit Zetteln übersätes Schlafzimmer, selbst auf dem Bett türmten sich die Manuskripte. Proust ließ sich sogar die Wände des Schlafzimmers mit Korb tapezieren, um störende Geräusche auszusperren, spann sich in seinem Lager mehr und mehr in einen Kokon ein. Dieses exzentrische Schlafzimmer ist leider nicht erhalten, das restaurierte Himmelbett des Sonnenkönigs jedoch ist im offiziellen „Schlafzimmer des Königs“ im Schloss von Versailles öffentlich zugänglich – und alleine eine Paris-Reise wert.

Reisetipp/Führungen zum Bett des Sonnenkönigs:

Chateau de Versailles, bei Paris

www.chateauversailles.fr