Lange Zeit haben wir Deutsche das Schlafzimmer vernachlässigt. Jetzt richten wir es endlich wohnlich ein. Zum Beispiel mit Boxspringbetten.

Von Olga Scheer

 

Die Deutschen sind doch ein etwas merkwürdiges Volk: Dass wir unserem Schlafzimmer so lange Zeit so wenig Beachtung geschenkt haben! Und das, obwohl wir in keinem anderen Zimmer so viel Zeit verbringen wie in dem Raum, der uns zur Ruhe kommen lässt. 7 Stunden und 45 Minuten schläft jeder Deutsche im Durchschnitt, das heißt, ein Drittel jedes Tages verbringt er im Bett. Unter Topmanagern stand die Anzahl der zu wenig geschlafenen Stunden lange Zeit symbolisch dafür, wie leistungsbereit man ist. Diese Einstellung ist gewagt. Mit weniger als sieben Stunden kommen die wenigsten aus, sagt die Neurologin und Schlafforscherin der Berliner Charité, Carolin Schäfer. Schlafen gehört genauso wie Essen zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Bekommt man zu wenig davon, ist es schlecht.

Nach Ernährung und Fitness scheint Schlafen folgerichtig das nächste große Lifestyle-Thema zu sein. Und jetzt ändert sich hierzulande auch die Haltung zum heimischen Ruheraum. Den Rest der Wohnung haben viele schon vorher umgekrempelt. Sofalandschaften dominieren inzwischen die Wohnzimmer und haben unbequemes Mobiliar längst ersetzt. Auch die Essbereiche haben sich im Laufe der Zeit verändert. Erst erhielten Esstische Einzug in die Wohnküchen, dann die Küchen Einzug in den Wohnbereich. Nun folgt der Wandel des privatesten aller Zimmer. "Die Leute wollen jetzt auch ihr Schlafzimmer wohnlicher gestalten", sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie.

Wirft man einen Blick in die Kataloge der Möbelindustrie, sieht man schnell, wohin der Trend geht. Vor einigen Jahren kannte man die sogenannten Boxspringbetten nur aus amerikanischen Luxushotels. Sie wirken imposant und gemütlich, bestehen aus jeder Menge Polster und haben eine bequeme Einstiegshöhe und ein hohes Kopfteil, an das es sich anlehnen lässt wie an ein Sofa. Mittlerweile sind sie auch zunehmend in deutschen Schlafzimmern zu finden.


Boxspringbetten liegen im Trend

In diesem Jahr werden wohl eine Million Boxspringbetten verkauft. Im Vergleich zum Jahr 2013 würde sich der Absatz damit vervierfachen. Etwa jede sechste neu erworbene Matratze entfalle inzwischen auf das Boxspringmodell. Der Verband der Deutschen Möbelindustrie schätzt, dass Boxspringbetten mit 1,5 Milliarden Euro ein Drittel des gesamten Bettenumsatzes ausmachen, Tendenz steigend.

Aber was sind das überhaupt für Betten, in denen sich immer mehr Deutsche zur Ruhe legen? Boxspring bedeutet so viel wie "Kasten mit Federn" und bezeichnet das spezielle Untergestell der Betten. Beim Boxspringbett liegt die Matratze nicht auf einem Lattenrost, sondern auf einer gefederten Untermatratze, die wie ein Stoßdämpfer fungiert.

Wer sich in Einrichtungshäusern umschaut, kommt an dem neuen Betten-Trend nicht mehr vorbei. Selbst das Möbelhaus Ikea, Marktführer im Segment der günstigen Rahmenbetten, bietet mittlerweile Betten in Boxspringoptik an. Zu erhalten sind sie ab 528 Euro. Sie verfügen aber nicht über den klassischen Unterbau, sondern über einen Lattenrost. Ein echtes Boxspringbett bekommt man in Möbelhäusern von 1000 Euro an. Neben den deutschen Herstellern findet man auch viele ausländische Marken wie Hilding Anders, Hästens und Treca. Für ein qualitativ hochwertiges Boxspringbett sollte man mindestens 2000 Euro veranschlagen, sagt Jürgen Weyrich von der Gesellschaft für Konsumforschung.


Das Bett als Rückzugsort

Ursprünglich stammen Boxspringbetten aus dem skandinavischen Raum. Auch in Deutschland gab es früh einen Hersteller des Zwei-Matratzen-Systems. Karl Schramm, Sattler und Polsterer, war es gewohnt, vor der Herstellung eines Sattels den Rücken der Pferde abzutasten. Danach wusste er, wie der Sattel zu sein hatte. Das gleiche Prinzip verwendete er für die Herstellung einer Matratze. 1923 gründete er im pfälzischen Winnweiler eine Sattlerei und Polsterei. Das daraus hervorgegangene Familienunternehmen besteht mittlerweile in der dritten Generation. Nun wird es auf Rang 11 der deutschen Top-Luxusunternehmen geführt. Der Pfälzer Betrieb versteht seine Betten aber nicht als reines Luxusprodukt. 4300 Betten und noch mal so viele Matratzen wurden im vergangenen Geschäftsjahr in den Schramm Werkstätten hergestellt. Knapp 30 Millionen Euro betrug der Umsatz. Gut ein Drittel der Waren werden ins Ausland exportiert.

Noch heute ist die Herstellung der oberen Taschenfederkernmatratze Handarbeit. Die Mitarbeiter der Schramm Werkstätten nähen die Stahlfedern einzeln in kleine Baumwollsäckchen ein, die in Matratzenlänge aneinanderhängen. Für den Hüftbereich werden stärkere Federn verwendet, für die Schulterpartie etwas schwächere. Ein paar Stationen weiter wird der Taschenfederkern mit etlichen Lagen aus Baumwolle, Schafschurwolle, Naturlatex, Seide und Leinen gepolstert und zur fertigen Matratze vernäht. Auch die Herstellung der gefederten Untermatratze ist mit ähnlich viel Handarbeit verbunden..

Beim Boxspringsystem ist die Obermatratze auf die Maße des Kunden abgestimmt, während die Untermatratze die Bewegungen abfedert. Dadurch entstehe eine bessere Körperanpassung, sagt Angela Schramm, die Ehefrau des Gründerenkels und Geschäftsführers Axel Schramm. Beim Lattenrostsystem erfolgt die Körperanpassung indirekt über die Unterfederung, nämlich den Lattenrost. "Die Leute, die heute zu uns kommen, interessieren sich viel mehr für das Thema Schlaf", sagt Angela Schramm. "Das Bett ist für sie ein Rückzugsort, an dem man das Handy auch mal ausschalten kann und von der Welt für einen Moment nichts mitbekommt. Sie kommen zu uns, weil sie gut schlafen wollen."


Ein teures Bett allein genügt nicht für den guten Schlaf

Und das kostet. Ein 1,80 Meter breites Doppelbett von Schramm ist von 4800 Euro an zu haben. Je nach Ausstattung können es bis zu 50 000 Euro werden. Bei der Luxusvariante, dem "Grand Cru", thronen sogar zwei Taschenfederkernmatratzen auf der Untermatratze. "Wenn man bedenkt, wie viel Zeit man letztlich im Bett verbringt, sollte man nicht an der Qualität sparen", sagt Angela Schramm. "Und die hat ihren Preis." Beim Autokauf würden die Kunden, ohne mit der Wimper zu zucken, den Aufpreis für Lederbezüge und Sitzheizung bezahlen. Kaum jemand sitze so viel im Auto, wie er im Bett liegt.

Die Schramm Werkstätten führen auch eine Linie für Hotels. Das Schloss Elmau, in dem vergangenes Jahr der G-7-Gipfel stattfand, ist beispielsweise mit Schramm-Betten ausgestattet. Doch auch für Hotelkunden muss Angela Schramm erst eine einfache Rechnung aufmachen. Ausgegangen von einer Haltbarkeit der Matratzen von zehn Jahren, kostet die Hotelbetreiber eine Matratze nach ihrer Rechnung 1,28 Euro je Nacht. Für ein Fläschchen Duschlotion sind sie bereit, mehr als das auszugeben. Dabei kommen die meisten Gäste zum Übernachten ins Hotel - und nicht, um sich zu waschen.

Dass man in Boxspringbetten auch im wissenschaftlichen Sinn besser schläft, ist allerdings nicht erwiesen. Den Forschern zufolge ist es vor allem wichtig, dass man vor dem Schlafengehen zur Ruhe kommt und abschalten kann. Im Traum wird das zuvor Erlebte verarbeitet. Das sei ein wichtiger Prozess, um neue Kraft schöpfen zu können, sagt Schlafforscherin Carolin Schäfer. Auch sein Handy sollte man nachts ausschalten.

Eine teures neues Bett allein genügt also nicht, um besser zu schlafen. Das weiß auch Angela Schramm, Wunder verspricht sie nicht: "Oft kommen Leute mit Schlafproblemen zu uns, die psychologischer Art sind. Denen können wir zwar ein gutes Bett verkaufen, sie aber nicht gesund machen."

Andere Wünsche, auch wenn sie ausgefallen sind, erfüllen die Werkstätten hingegen ohne Einschränkungen. Der Bürgermeister von Schanghai bettet sich beispielsweise in einem pinkfarbenen Schramm-Bett. Die Deutschen hingegen bleiben lieber bei unauffälligen Grau- und Blautönen, berichtet Angela Schramm. Aber vielleicht ändert sich ja auch das noch mit der Zeit.

 

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Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2016, GELD & MEHR (Geld und Mehr), Seite 36, Olga Scheer