„Im Bett passieren die spannendsten Dinge des Lebens“

 

Ein Interview mit der jungen Star-Designerin Hanne Willmann über blaue Stühle, Betten als Gesprächspartner und das Ende der alten Statusgesellschaft.

 

Von Stefanie von Wietersheim

 

Sie ist der neue Stern am deutschen Design-Himmel: die Berlinerin Hanne Willmann, 29 Jahre, entwirft Geschirr und Möbel für eine neue Generation. Die aus der Stadt Friesoythe bei Oldenburg stammende Kreative gründete zwei Jahre nach ihrem Diplomabschluss an der Berliner Universität der Künste 2016 ihr eigenes Studio. Renommierte Designbüros und Hersteller interessierten sich schon während des Studiums für Ihre Ideen. Nach einem Auslandssemester in Barcelona arbeitete sie im bekannten Istanbuler Designbüro Autoban und wurde 2016 mit dem „German Design Award Newcomer Finalist“  ausgezeichnet. Für Schramm hat sie das Bettmodell „Some Day“ entworfen. Zeit für ein Gespräch.

Wie wird man Designerin für Vasen, Stühle, Tische und Betten? Wollten Sie immer schon Ihre Umgebung umbauen, aus eckig rund, aus gelb blau machen? Oder hatten Sie als Kind einen ganz anderen Berufswunsch?  

Ich habe immer schon wie wild gebastelt, gemalt und konstruiert. Meine Eltern waren sicher ungewollt perfekt für meine Berufswahl, denn mein Vater ist Ingenieur und Tüftler, meine Mutter Zahnarzthelferin, die leidenschaftlich Möbel restauriert. So habe ich als Kind Holz gehackt, alte Konsolen geschliffen, auch mal mit Ölfarben das Haus versaut, aber meine Eltern haben mich immer machen lassen. In der Schule waren meine besten Fächer Kunst und Physik. Alle haben sich über diese ungewöhnliche Kombination gewundert und ich habe mich gefragt, was ich damit denn werden soll. Freunde meiner Eltern sagten dann: ‚mach doch Industriedesign, das ist kreativ und analytisch’. Ich war Feuer und Flamme und habe alles dafür gegeben, einen Studienplatz zu bekommen. Vor dem Studium an der Universität der Künste habe ich ein Praktikum in einer Architekturmodellwerkstatt gemacht. Dort habe ich CAD, Lasern, Fräsen, Holz- und Metallbearbeitung gelernt. Die UdK war toll, weil sie so frei ausbildet. Da sagt ein Dozent: ‚Machen Sie etwas, worauf man sitzen kann’ – dann kommt einer mit einem Pferd und der andere mit einem hoch entwickelten Bürostuhl. Eine gute Schule.“ Schon während des Studiums habe ich meine „Willmann Vase“ entwickelt. Nach der Uni musste ich dann erst einmal Erfahrungen in der Branche sammeln. Wichtig war für mich die enge Zusammenarbeit mit meinem Professor Achim Heine und die Zeit im Studio von Werner Aisslinger.“

 

Die gleichzeitige Begabung für Kunst und Physik reicht ja nicht, um eine erfolgreiche Designerin zu werden. Mussten Sie für diesen Beruf kämpfen?

„Nein. Ich bin überzeugt, dass ich auf meinem Weg viel Glück gehabt habe. Aber meine Freunde widersprechen und argumentieren, dass das gar nicht stimmt, da ich kreativ und zielstrebig zugleich sei und mir selbst den Weg bereitet habe. Da ist sicher etwas dran.“

 

 

Hatten Sie Vorbilder, an denen Sie sich orientiert haben?

„Es gab Studienkollegen, an denen ich mich im Kreativen orientiert habe und auch an Dozentinnen, von denen ich gelernt habe, wie man sich in dem Business als Frau behauptet. In den Teams und bei Verhandlungen. Frauen und Männer kommunizieren halt schon noch anders - das ist mal Nachteil, mal Vorteil - und ich habe beobachtet, wie man sich verhalten sollte, um Respekt zu bekommen.“

  

Was ist guter Geschmack für Sie?

„Ganz viel reduzieren! Und Liebe zum Detail. So wächst langsam eine emotionale Welt um einen herum im Ästhetischen. Das beste Beispiel ist mein neues blaues Sofa des skandinavischen Designbüros Versus, auf das ich gewartet und gespart habe. Es ist ganz reduziert und hat an den Kanten eine Naht, die in einem Zipfel endet. Perfekt.“

 

Und das ist schlechter Geschmack? 

„Alles Überladene. Kein Respekt vor dem Detail.“

 

Wie wohnen Sie selber? In Ihren eigenen Entwürfen?

„Ja und nein. Ich lebe mit meinem Bett, den Vasen, einem Tisch, weil ich ihnen emotional verbunden bin. Mir macht es aber auch Spaß, in Arbeiten von anderen Designern, die zum Teil Freunde sind, zu leben. Ich will meine Möbel ein Leben lang behalten, nicht Teil der Möbelwegwerfgesellschaft sein. Die Dinge haben einen emotionalen Wert für mich, der sich immer weiterentwickelt.“

 

Ist es für die Lebenspartner schwer, mit einer Designerin unter einem Dach zu leben? Weil die genau weiß, was sie will und was nicht?

(lacht) „Ich denke schon, dass die Partner von Designern sehr kämpfen müssen bei der gemeinsamen Einrichtung, wenn sie in dem Bereich keine Vorerfahrung haben. Mein Freund musste bei mir ganz schön einstecken, und 90 Prozent der Wohnung sieht schon so aus, wie ich es gerne habe. Dafür habe ich mich im Gegenzug sehr mit ihm wirklich wichtigen Objekten beschäftigt und versucht sie zu integrieren. So wie die schwarze Deckenleuchte aus seiner ersten WG, an der er sehr hing. Ich habe sie gereinigt, aufbereitet und ziemlich tief über unseren Tisch gehängt, wo sie nun schönes Pokerlicht gibt. Den Tisch habe ich selber entworfen.“

 

Was ist das Schwierige daran, wenn man den Auftrag bekommt, ein Bett zu entwickeln?

„Für mich war das gar nicht so schwierig. Ich habe Familie Schramm bei einer Designpreis-Verleihung kennengelernt und gedacht: „Für die will ich arbeiten!“. Dann habe ich Angela Schramm ein paar Tage darauf einfach eine Email mit meinem Entwurf für mein Ideal eines Bettes geschickt. Kurz darauf kam die Antwort: „Machen wir!“. Ein halbes Jahr später stand mein fertiges Bett da. So etwas kommt im Leben von Designen fast nie vor. Nie! Allein dass man eine Antwort bekommt, kann Monate dauern. Ich hatte eine Vorstellung, wie das Bett aussehen sollte: leicht, jung, nicht so üppig und schwer glamourös, wie man es von klassischen Boxspringbetten kennt. Hinterher haben wir in der Werkstatt in Winnweiler länger an Details herumgebastelt wie an der Kissendicke. Ich wollte, dass die Kissen ganz pluffig an zwei Holzstäben aufgefädelt sind, musste es dann aber modifizieren, weil ich nicht beachtet hatte, dass manche Kunden das Bett so bauen lassen, dass man das Kopfteil verstellen und die Matratzen hochfahren kann.“

 

Und was war für Sie das Tolle beim Bettenbau?

„Dass es in der Firma eine so schnelle Entscheidung für meinen Entwurf gab. Alles „Made in Germany“, und die Schramms sind als Menschen cool. Und das Tollste ist, dass ich nun zuhause in Berlin in meinem eigenen Bett schlafe.“

 

Ist es ein Unterschied, ob man etwas Kleines oder Großes entwirft?

„Auf dem Papier ist ein Bett erst einmal gleich groß wie eine Vase! Es geht erst dann um den Eindruck im Raum, wenn man weiter macht. Beim „Some Day“-Bett wollte ich aus einem großen Möbel eher etwas Leichtes machen. Wir Jungen fühlen uns mit raumgreifenden Dingen, die Status ausdrücken, nicht mehr wirklich wohl. Unsere Generation hat es nicht so mit dicken Autos, dicken Armbanduhren, wir nutzen lieber Car Sharing und brauchen keine Statements. Aber wir wollen toll schlafen! Das war mein Ansatz.“

 

Woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Kreationen? Stecken Sie manchmal richtig fest und sind verzweifelt?

„Nein gar nicht. Ich habe viel mehr Ideen, als ich umsetzen kann, mein Reservoir wird immer größer. Ständig kommen neue Karteikarten in meinem Kopf mit Einfällen hinzu. Manchmal stelle ich mir vor, wie mein Kopf aussehen wird, wenn ich in Rente gehe! Dabei habe ich schon so viele Aufträge, dass ich zu meinem Bedauern die Dozentenstelle an der Hochschule Anhalt in Dessau aufgeben musste, weil ich keine Zeit mehr habe.“

 

Ihre Lieblingsfarbe?

"Habe ich nicht. Das ist saisonal unterschiedlich. Und man muss Farben immer im Kontext sehen. Ein blaues Stück Stoff wirkt anders als ein blauer Stuhl. Ich freue mich, wenn Hersteller Mut zur Farbe haben. Viele trauen sich das nicht, weil sie glauben, dass Konsumenten nicht gerne Farbe kaufen. Aber ich glaube das nicht so ganz. Denn Farbe erzeugt starke Emotionen. Ein blauer oder gelber Stuhl kann einen starken Charakter haben – und wenn man alles grau in grau kauft und denkt, da passt schon alles zusammen, wird es schnell charakterlos. Und charakterlose Möbel schmeißt man schneller weg. Ich will raus aus der Wegwerfgesellschaft.“

 

 Ihr Lieblingsbuch?

„Ich liebe Bücher, die nichts mit Design zu tun haben, mich in andere Welten führen. So wie ‚Nachtzug nach Lissabon’ von Pascal Mercier , ‚Drachenläufer’ von Khaled Hosseini oder ‚Der Geruch des Paradieses’ von Elif Shafak.“

 Sie werden als Möbelstück wiedergeboren - was möchten Sie sein?

 

„Ich wäre gerne ein Möbel, das geliebt wird! Ein Bett! Echt, kein Scherz. Im Bett passieren doch die spannendsten Dinge im Leben, auf den Kissen werden die wichtigsten Informationen ausgetauscht. Das ist unser privatester, intimster Ort, an dem sehr geliebt und sehr gestritten wird. Es ist lustig, weil ich manchmal anfange, mit meinem Bett zu reden.  Letztens musste ich ihm erst gratulieren, weil es für den „German Design Award“ nominiert wurde. Alleine der Gedanke, dass in dem von mir entworfenen Model irgendwo auf der Welt Babys gezeugt werden, finde ich toll. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie so luxuriös geschlafen habe wie in „Some Day“. Jetzt kann ich in keinem Hotel mehr besser schlafen - bis auf der Elmau vielleicht.“ 

 

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