Handelsblatt print: Nr. 151 vom 08.08.2017 Seite 044 / Familienunternehmen

Im Jahr 2023 soll die nächste Generation die Betten-Manufaktur Schramm übernehmen. Den Übergang bereitet der Chef akribisch vor - mit Hilfe von Wirtschaftspsychologen.

von Diana Fröhlich, Winnweiler 


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Axel Schramm weiß, dass seine Ausgangsposition gut ist. Nein, sehr gut sogar.  Alle seine vier Kinder interessieren sich für das Familienunternehmen und haben Interesse, operativ Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig ist das für Schramm keine einfache Situation. Der Vater muss versuchen, den verschiedenen Persönlichkeiten und Neigungen seiner Kinder gerecht zu werden. Dafür nimmt er sich viel Zeit. Den Übergang organisiert der 60-Jährige so systematisch, wie man es in Familienunternehmen nur selten erlebt. Im Jahr 2023, das hat der Vater bereits festgelegt, will er den Bettenhersteller Schramm aus der Nähe von Kaiserslautern an die vierte Generation übergeben. Dann nämlich, wenn sein Unternehmen den 100. Geburtstag feiert. Nur: Wer übernimmt dann welche Aufgabe?

Das Unternehmen Schramm aus Winnweiler macht heute rund 30 Millionen Euro Umsatz pro Jahr und beschäftigt knapp 200 Mitarbeiter. Längst zählt es mit seinen hochwertigen und teuren Betten und Matratzen, die allesamt in der Pfalz hergestellt - Letztere zum großen Teil noch in Handarbeit genäht - werden, zu den Top-Luxusunternehmen Deutschlands. In den einschlägigen Rankings arbeitet sich Schramm immer weiter nach vorne. Im "Luxury Business Report 2016" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young und des Beratungsunternehmens Inlux - The Luxury Experts belegte das kleine Unternehmen Platz elf, direkt hinter dem Autobauer Porsche. Das günstigste Bett aus dem Hause Schramm kostet rund 3 500 Euro - das teuerste 50 000. "Die Schramms sind detailversessen, entwickeln ihr Unternehmen immer weiter, bleiben dabei aber sehr solide", sagt Petra-Anna Herhoffer, Inlux-Geschäftsführerin. "Dass sie Accessoires über einen Onlineshop verkaufen, Betten und Matratzen aber nicht, ist ein gutes Beispiel für ihr Qualitätsversprechen."

Das Unternehmen ist sein "fünftes Baby", sagt Axel Schramm. Seit drei Jahren bereitet er gemeinsam mit seiner Familie die Übergabe in Winnweiler vor. Wie wird der Gesellschaftervertrag aussehen? Um in Ruhe darüber zu sprechen, verbringen die Schramms regelmäßig ein Wochenende lang in einem Hotel und beschäftigen sich ausschließlich mit dem Unternehmen und seiner Strategie. Und mit sich selbst. Mit dabei sind immer auch Rechtsberater und sogar Wirtschaftspsychologen. "Sie begleiten uns auf unserem Weg", sagt Axel Schramm.  "Ich bin der Meinung, dass diese externe Hilfe alternativlos ist, um zu einem seriösen Ergebnis zu kommen."

Und doch erstaunt diese Offenheit, gerade bei den häufig zurückhaltend auftretenden Familienunternehmen. Schramm erzählt von Emotionen, die in der offenen Runde herausgelassen werden, von großer Freude, aber auch von Tränen.  Wie das eben so ist, wenn sich die Kinder mit den Eltern auseinandersetzen - und umgekehrt. Die Termine sind immer lange geplant, werden mit allen Beteiligten besprochen, Ausreden gibt es nicht. Was sich bis jetzt feststellen lässt? "Es sind sich alle einig, dass wir das Unternehmen weiterführen", sagt Axel Schramm.

Er selbst ist Diplom-Kaufmann, seine Kinder sind heute zwischen 20 und 26 Jahre alt. Sie studieren oder machen eine Ausbildung, parallel arbeiten sie "zu Hause". Die Vorbereitung auf die Nachfolge dauert gewissermaßen schon ihr ganzes Leben: Früher, als sie noch klein waren, haben sie schon immer gespielt, dass sie die Firma leiten, erinnert sich der Vater. Der Älteste war der Chef, einer der Handwerker, es gab eine Expertin fürs Marketing und eine für die Finanzen. Ob sich die Aufteilung in der Zukunft erhalten lässt, bleibt abzuwarten. Axel Schramm jedenfalls ist die durchaus teure Sache mit den externen Beratern viel wert. "Ich habe ein gutes Gefühl", sagt er. Und hofft, dass er nach 2023 endlich Zeit finden wird, um einen Segelschein zu machen.  Denn der Zeitpunkt der Übergabe ist fix.

Viel Geduld war nötig Doch bis dahin bleibt noch einiges zu tun. Das Unternehmen, das seit jeher auf ein "Zwei-Matratzen-System" setzt, profitiert derzeit von einem Boom, der aus den USA kommt: Die sogenannten Boxspringbetten, die Deutsche vor einigen Jahren noch nur aus US-Luxushotels kannten, finden vermehrt auch hierzulande Abnehmer. "Boxspring", übersetzt heißt das so viel wie "Kasten mit Federn", bezeichnet das spezielle Untergestell der Betten. Denn beim Boxspringbett liegt die Matratze nicht auf einem Lattenrost, sondern auf einer gefederten Untermatratze. Ein Zwei-Matratzen-System also. 

Der gelernte Sattler und Polsterer Karl Schramm, Großvater von Axel Schramm und Unternehmensgründer, entwickelte schon früh ein solches Prinzip. Als Ende der 1960er-Jahre dann aber der Lattenrost die deutschen Schlafzimmer eroberte, hatten die Schramms Probleme, sich gegen die starke neue Konkurrenz durchzusetzen. Doch blieben sie bei ihrer Technik, beharrten darauf, dass man sich auf ihren Betten im Schlaf besser erholen kann. 

Heute haben sie, bedingt durch den Boxspring-Hype, einen immensen Aufschwung im Inland erfahren. "Im Grunde ist das ja alles nichts Neues", sagt Axel Schramm, der auch Präsident des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie ist. "Wir haben ein Bett schon immer genau so hergestellt." Und doch brauchte er einen langen Atem. Heute allerdings zahlt sich die Geduld aus. Mehr als 4 000 Betten und mindestens noch mal so viel Matratzen stellen die Pfälzer mittlerweile pro Jahr her, ein Drittel davon geht ins Ausland. Der Bürgermeister von Schanghai beispielsweise schlafe auf einem Schramm-Bett.

Konkurrenz gibt es dabei mehr als genug. Nahezu jedes Möbelhaus verkauft heute Boxspringbetten, und das zu jedem erdenklichen Preis. Mit Qualität haben die Produkte allerdings häufig nicht viel zu tun, moniert Axel Schramm. Ein Bett mit einem ordentlichen Zwei-Matratzen-System könne kaum weniger als 1 000 Euro kosten. Und doch gibt es diese Modelle. Zudem haben auch junge Gründer das Thema für sich entdeckt. Im Netz ist ein regelrechter Kampf der Matratzen-Start-ups wie Muun, Eve oder das US-Unternehmen Casper entbrannt. Sie können ihre Produkte den Kunden deutlich günstiger anbieten, weil der Zwischenhändler wegfällt. Das Gute für Schramm ist: Die Menschen sprechen über das Thema, die Bedeutung des Schlafs ist in den Köpfen angekommen. 

Und doch muss sich der Familienunternehmer weiterentwickeln. Seit kurzem gibt es bei Schramm eine eigene "Home Collection", mit Bettwäsche, Hausschuhen, Bademänteln und Raumparfum. Diese Produkte werden über den Onlineshop verkauft.  Schließlich soll das Unternehmen auf der Höhe der Zeit sein, wenn er es 2023 an die nächste Generation übergibt.

"Ich bin der Meinung, dass diese externe Hilfe alternativlos ist, um zu einem seriösen Ergebnis zu kommen."

 Axel Schramm