Palais in der Provence - ganz privat

Ein deutsches Kreativ-Paar hat das gewagt, von dem viele träumen: Aus dem alten Leben auszusteigen und Hoteliers in Südfrankreich zu werden. Das Ergebnis: das Hotel de Tourrel inmitten von St. Rémy-de-Provence

Sommertreffpunkt der internationalen Kreativ-Elite – aber immer noch bodenständig und knorrig. Staubig und glamourös. Ein zeitloser Sehnsuchtsort und jedes Jahr lauter neue Adressen, die man gesehen haben muss: Der südfranzösische Ort St. Rémy-de-Provence ist gestern und morgen, heiß und eiskalt, bunt und steinfarben. Platanenalleen, schattige Plätze und Weinberge, über die der Wind pfeift: Vincent van Gogh malte hier im Schatten der Alpilles seine Bilder, Prinzessin Caroline von Monaco verbrachte diskrete Lebensjahre nach dem Tod ihres zweiten Mannes im Umland, Inès de la Fressange liebt den Markt - und nicht umsonst fallen die Pariser Bourgeois-Bohemiens Sommer für Sommer ein, um in lässigen weißen Kleidern und Strohhüten durch die Stadt zu schlendern oder sich in der Vinothek des Hôtel de Tourrel durch die Weingüter der Region zu probieren.

 Die Adresse mitten in der Stadt  liegt in einem Palast aus dem 17. Jahrhundert und wird von einem deutschen Paar geführt, das hier mit Stilsicherheit, Enthusiasmus und Wagemut eine der schönsten Hoteladressen Frankreichs geschaffen hat: die Architektin Margot Stängle und Ex-Werber Ralph Hüsgen. „Unsere Leidenschaft für dieses Haus war am Anfang größer als die kaufmännische Vorsicht“, sagt der Hotelbesitzer, dem man in jedem Satz die Passion für sein Lebensprojekt anmerkt. „Wir wollten zur Halbzeit des Lebens etwas Neues machen, waren Ende 30 und Anfang 40“, erzählt er. „Jeder Bekannte kommt im Urlaub mal auf die Idee, ein Hotel zu eröffnen – aber dann sein Leben aufzugeben und es zu tun, ist etwas anderes!“

Überzeugt wurde das Paar letztlich durch das Treffen mit einem alten französischen Winzer, der selber in den 1970er Jahren seinen ursprünglichen Beruf für das Leben im Weinberg aufgegeben hatte. „Von ihm haben wir gelernt, nicht in ein paar Jahren, sondern morgen anzufangen, lieber mehr Geld bei der Bank aufzunehmen und in ein neues Projekt zu springen“, erklärt der Weinliebhaber. Das kreative Paar suchte für das erträumte Hotelprojekt in Südfrankreich gleich an mehreren Orten gleichzeitig, in Avignon, an der Cote d’Azur und eben in St. Rémy. „Wir wollten kein Landobjekt, keine neo-provençalische Scheune mit Château-Look oder ganz in Laura Ashley dekoriert, wir hassen das!“, erzählt Ralph Hüsgen. Ziel war es, in schönen alten Mauern etwas sehr sehr Modernes, Urbanes zu gestalten.

Das Problem an der Sache: Viele Bürgermeister der Gemeinden mit infrage kommenden Häusern schmetterten diese Vorstellungen ab. In St. Rémy jedoch war ein Denkmalschützer, der das Potential des Projektes verstand und die Neu-Hoteliers unterstützte, als sie das Palais der Familie de Tourrel d’Almeran kaufen wollten. „Das Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert war zum Teil ziemlich kaputt, ein Jahr haben wir mit dem Besitzer verhandelt und dann drei Jahre umgebaut“, erinnert sich der Chef. Der Adelspalast mit seiner monumentalen Haupttreppe wurde um einen modernen Flügel erweitert, ein Restaurant und eine kleine, aber spektakuläre Vinothek eingerichtet. „Während der Bauphase haben wir gemerkt, dass wir uns so hoch wie möglich positionieren wollen, selbst im 5-Sterne-Segment“, sagt Ralph Hüsgen.

So entwarf die Besitzerin nicht nur einen Teil der Einrichtung selbst, sondern suchte mit ihrem Partner Möbel von ClassiCon aus – und investierte bewusst in handgefertigte Schramm-Betten. „Unsere Gäste sind einfach von zuhause sehr hochwertige Möbel und bestes Design gewöhnt, da wollten wir die absolute Spitze, auch wenn es das Doppelte oder Dreifache von dem kostet, was 5-Sterne-Hoteliers sonst für Betten ausgeben“, sagt der Hotelier. Seit dieser Saison verantwortet der junge, ehrgeizige Küchenchef Jeremy Scalia - der zuletzt beim Sternekoch Eric Fréchon im Pariser Hotel Bristol gearbeitet hat - die feine mediterrane Küche des hauseigenen Restaurants. „Wir haben ein gutes regionales Netzwerk mit den Lieferanten, arbeiten nur mit ganz frischen Produkten und zeigen wie in den Zimmern, dass wir zu den besten Adressen gehören“, sagt Ralph Hüsgen. Nun wettet die kulinarische Szene der Provence darauf, ob das Haus auf einen weiteren Stern bekommt - diesmal für seine Küche, einen ersten.

Seit der Eröffnung des Hotel im Mai 2015 hat das Lebensprojekt der Deutschen Bestnoten auf allen Kanälen, von Mundpropaganda bis zu Tripadvisor; es regnet Elogen in der Presse, selbst die „New York Times“ brachte einen Bericht. „Unsere Gäste sind Menschen, die wirklich Ahnung von Reisen haben“, sagt der Hotelchef. Viele kommen aus Paris, Brüssel, London, auch aus New York und Kalifornien. „Sie bleiben nicht zwei Wochen am Pool, sondern reisen für drei, vier Tage an, um das Beste der Region intensiv zu erleben, machen Ausflüge, genießen den Pool und unser Restaurant.“ Vielleicht auch ein Geheimnis des Erfolgs: Das Hotel fühlt sich trotz des 10-köpfigen Personals nicht wirklich wie ein Hotel an.

In den sieben Luxus-Suiten mit modernen Möbel-Klassikern von Eileen Gray, Sebastian Herkner und Konstantin Grcic lebt es sich wie in einem entspannt-luxuriösen Privathaus. Die freigelegten historischen Mauern, bemalten Holzdecken, Sandsteinböden, Dielen und Kamine wirken zeitlos beruhigend und fast sakral schön. Der minimalistische Chic der Möbel in Olivgrün, Petrol und Grau passt organisch zu den klaren Strukturen der historischen Räume, die schon zur Zeit ihrer Entstehung ein urban-luxuriöses Wohnumfeld waren. Der schönste Platz ist heute wie vor hunderten von Jahren die Dachterrasse mit dem Blick über die Häuser der Stadt - ach nein, das ist mitten im Pool, am kleinen Wasserfall. Vor dem Aperitiv.

www.hoteldetourrel.com