Samt für die Seele

Samt galt in der Deko-Szene und Mode lange als verstaubt. Nun ist der fürstliche Stoff wieder in. Und auf einmal sexy. Warum?

 Von Stefanie von Wietersheim

Könige tragen ihn seit Jahrhunderten – als Krönungsmantel. Filmstars schreiten über ihn – auf dem roten Teppich. Elegante Pferdefrauen lassen sich aus ihm Riding Jackets schneidern, wahre Gentleman grüne Smokingjacken. Doch wer hatte in den letzten zehn Jahren Kleider aus Samt im Schrank oder gar Sofas mit Veloursbezug prominent im Salon? Samt war dem Gefühl nach eher etwas für die alten Waggons osteuropäischer Eisenbahnen, die Verkleidungskiste oder Tante Käthe mit ihrem Lavendelwasserparfum.


 

Nun ist Samt in Mode und Haus auf einmal wieder en vogue: Chefredakteurinnen stolzieren in braunen Samtschlaghosen zu Fashion Shows, die italienischen Designer Dolce & Gabbana präsentieren Haute Couture vor schweren Samtvorhängen, Stühle, Betten und Sofas werden mit Samt bezogen. Denn mit dem Revival des 70s-Stils ist neben Herbstpaletten-Farben auch der Samt zurück in die Wohnungen gekommen.

„Samt ist einfach super, er holt Wärme ins Haus, ist gut für die Seele“, sagt Siggi Spiegelburg, Couture-Designerin aus Münster und kreative Ideengeberin des gleichnamigen Verlages. Sie entwirft farbenfroh-opulente Maßkleider für elegante Damen der deutschen Gesellschaft und ist bekannt als stilsichere Einrichterin und Gastgeberin. „Das Tolle an Samt ist seine Dreidimensionalität, er wirkt ganz satt und sinnlich – und man hat noch mehr als bei Duchesse-Seide das Bedürfnis, ihn anzufassen“, erklärt sie. Für Spiegelburg ist Samt seit vielen Jahren ein selbstverständliches Element ihrer Häuser: „Wunderbar sind schwere Samtvorhänge, bodenlange Tischdecken, Überwürfe für Sofas oder Kissenbezüge! In pflaumenlila, rot, grün oder grau. Gerade im Winter kann man mit Samt-Elementen dem Haus ein warmes Kleid anziehen“, rät sie. „Außerdem wird Samt mit dem Älterwerden immer schöner, man verzeiht ihm, wenn er wie auch Seide leicht morbide die Farbe verändert.“


Das Vorurteil, Samt sei kompliziert und aufwendig zu pflegen, entkräftet sie: „Schwerer Samt ist total unkompliziert, selbst bei Tischdecken kann man schnell mal Flecken ausreiben!“, sagt sie. „Baumwollsamt ist ein sehr dankbarer Stoff, man kann ihn im Wollwaschgang waschen, auf links bügeln, überhaupt kein Problem.“ Spiegelburg kauft für ihre Interieurs dicht gewebten Baumwollsamt, leichtere Qualitäten setzt sie in ihren Kollektionen für Hosen und Kleider ein. Seidensamt - der wirkliche Luxus - ist im Gegensatz zu Baumwollsamt seltener und muss aufwendiger gepflegt werden.


 „Das Revival des Samt erkläre ich neben der Retrowelle in der Mode mit unserem aktuellen Leben, das viele in Beruf und auf der Straße als kalt, rau und ruppig empfinden“, sagt Dr. Stephan Demmrich, Chefredakteur des Interior-Magazins Wohn!Design. „Wir gestalten unser Zuhause zunehmend als geschützten, abgeschotteten Wohlfühlort, und da ist Samt mit seiner weichen Haptik wunderbar.“ Er rät zu Kissen oder einem Sofa als Einstiegselement und sieht etwa in Samtvorhängen, die mit einer Lederborte gesäumt sind oder einer gut gemachten  Wandbespannung wunderbare Interior-Effekte. Bei größeren Projekten wie einer Samtwand empfiehlt er dringend die Beratung durch einen guten Einrichter, der professionelle Verarbeitungstechniken und hochwertige Stoffqualitäten vorschlagen kann. „Gerade bei Samt ist für Sitzmöbel ein Gewebe mit mindestens 45.000 Scheuertouren wichtig, damit man sich auch mit Jeans darauf setzen kann, ohne dass er leidet“, sagt Demmrich. „Guter Samt bringt Glamour und Eleganz, ohne wie Pailletten schnell billig zu wirken. Ich persönlich finde Blau und Petrol als Alternative zu Rot sehr schön.“

 

Auch Stephanie Paulin, Geschäftsführerin des Einrichtungshauses Hans G. Bock in Hannover, schwört auf Samtvelours, um Jahreszeiten ins Haus zu holen. „Guter Mohair- oder Baumwollvelours arbeitet sich nicht schnell ab, er ist sehr robust, man muss nur auf die richtige Verarbeitung immer in der gleichen Fadenrichtung achten, denn man kann bei der Struktur in und über das Gewebe schauen.“ Seit rund zwei Jahren richtet sie immer mehr Interieurs mit Samtvorhängen, Sofas und Kissen ein. Besonders beliebt sind neben Grautönen auf großen Möbeln Zusammenstellungen von Seiden- und Samtkissen in Knallfarben: Orange, Curry, Brombeere, Aubergine und Rosa. Wenn man Vorhänge nicht komplett aus Samt nähen lassen möchte, rät sie, Baumwoll- oder Seidenstoffe mit einer 30 bis 40 Zentimeter breiten Samtborte abzusetzen, um einen ausdrucksvollen Effekt im Raum zu erzielen. Und wer es liebt wie eine venezianische Prinzessin, lässt sich einen Raum ganz mit bedrucktem Samt beziehen. Der Winter kann dann kommen.




Links:

www.siggi-spiegelburg.de

www.hansgbock.de

www.wohndesign.de